Erinnerungskultur

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„Geschichte ist doch Vergangenheit und Gegenwart ist Gegenwart“ – solche Aussagen hört man als Geschichtslehrer relativ häufig, nicht nur von Schülern.

Gerade an diesem Punkt setzt die Erinnerungskultur an, die nur aus der Perspektive der Gegenwart auf die Vergangenheit verständlich wird. Geschichte ist nicht einfach das Ergebnis von historischen Ereignissen, sondern die Geschichte wird erst durch unser Erinnern zu dem, was sie für uns ist.

Auschwitz_Jan2013_Rosen

Zeitgenossen hinterlassen Quellen, die von Historikern analysiert und interpretiert werden. Bei der Interpretation der Vergangenheit spielt immer das Denken der Gegenwart eine Rolle. So haben z.B. die DDR und die BRD die Geschichte des Nationalsozialismus anders aufgearbeitet und präsentiert, weil die Zielsetzung, was man mit der Geschichte erreichen möchte, eine andere war. Geschichte dient häufig als Legitimation für gegenwärtiges Handeln. Dadurch wird aus der bloßen Vergangenheit Geschichte, die aus unserer heutigen Zeit geschrieben wird.

Auschwitz_Jan2014_Gedenken

Jeder von uns hat bestimmte Vorstellungen vom Ersten Weltkrieg, von den Gründen für den Ausbruch und der Frage nach der Kriegsschuld. Aber woher kommt diese Vorstellung bzw. Erinnerung? Sie wird „produziert“ und zwar gibt es ein kollektives Gedächtnis, das geprägt ist durch bestimmte Filme, aktuelle (populär)wissenschaftliche Bücher oder den Unterricht. Ohne unsere gegenwärtigen Denkstrukturen ist die Deutung von Geschichte jedoch nicht zu erklären. Aus diesem Grund wird Geschichte immer wieder neu gedacht und reflektiert.

Buchenwald_Sep2013_Gedenktafel

Jetzt kann man sich fragen, welche Relevanz das für den Unterricht des Faches Geschichte hat. „Die Schüler müssen doch erst einmal die Fakten kennen, bevor sie in den Prozess der Dekonstruktion von Geschichte einsteigen können!“ Ja, die Schüler müssen bestimmte Fakten kennen, aber sie müssen sie sogleich als veränderbar bzw. nicht absolut kennenlernen. Nur durch diesen Blickwinkel, dass Geschichte veränderbar und ein Deutungskonstrukt der Gegenwart ist, wird Geschichte für die Lebenswelt der Schüler relevant. Dann kann Geschichte als Teil des eigenen Lebens erfahren werden.

Auschwitz_Jan2014_KrakauGruppenbild

Um diese Kompetenz eines historischen Bewusstseins zu erreichen, hat sich die Geschichtsfachschaft des Rivius Gymnasiums vorgenommen, die Schüler mit an Erinnerungsorte zur Geschichte zu nehmen und ihnen die unmittelbare Auseinandersetzung mit ihr zu ermöglichen. Dazu machen sich die Geschichtsleistungskurse der Q2 jedes Jahr auf den Weg nach Polen, um sich mit der Geschichte des Konzentrationslagers Auschwitz zu beschäftigen. Diese Tage der Begegnung mit einem Erinnerungsort führen zu intensivem Nachdenken über das eigene Handeln und dazu, dass die Schüler sich als ein Teil der Geschichte sehen. Das heißt nicht, dass sie mit Schuldgefühlen nach Hause fliegen und das ist auch nicht das Ziel, aber das heißt, dass sie ihre Verantwortung für die bzw. in der Welt reflektieren. Die Geschichtsgrundkurse fahren genau aus diesem Grund nach Weimar, dort werden sie durch den Besuch des Konzentrationslagers Buchenwald ebenfalls mit einem Ort der Geschichte konfrontiert. An beiden Orten gibt es wiederum Gedenksteine bzw. Mahnmale, die aus der heutigen Sicht den Umgang mit der Geschichte verdeutlichen. Gerade an diesen Punkten wird deutlich, wie Geschichte wahrgenommen und für das Erinnern der Gegenwart und das Handeln in der Zukunft aufgegriffen wird.

Berichte und Fotos unserer Schüler über den Besuch von Erinnerungsorten bzw. die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte werden in diesem Bereich der Homepage veröffentlicht, um auch andere an der Begegnung mit der Geschichte teilhaben zu lassen.

Wiebke Boecker