Zeit für die Wahrheit – der traurige Weg zur Mantaplatte

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So manch einer hatte in der 1. und 2. Pause bereits genüsslich sein Wurstbrot verzehrt, als Frau Klose in einer Doppelstunde Biologie als Gastrednerin in der EF des Rivius- Gymnasiums das Weltbild von glücklichen Schweinen auf saftigen Wiesen und in gemütlichen Ställen mit viel kuscheligem Stroh platzen ließ.

Sie formulierte ihr Ziel direkt zu Beginn ganz klar: „Ich möchte, dass ihr euch Gedanken macht über euren Fleischkonsum, der zu 90% aus der Intensivmast kommt,  über die Verantwortung, die ihr anderen Lebewesen gegenüber habt,  über die Möglichkeiten, etwas zu ändern und vor allem: einmal genau hinzuschauen.“

Schulleiter Rudolf Hermanns und die Vorsitzende der Biofachschaft, Sabine Heim, hatten die Grundschullehrerin eingeladen und öffneten damit mutig eine Tür in die sonst gern verborgen gehaltene Massentierhaltung. Den Schülern und Schülerinnen wurde ein Mix aus theoretischen Fakten, verschiedenen Videos und selbst hergestelltem Anschauungsmaterial geboten. Da das Thema Massentierhaltung, Tierversuche, Tierrechte und Naturschutz auch von zahlreichen Künstlern musikalisch interpretiert wurde, gab es auch in diesem Bereich ein paar Lieder zum Nachdenken.

So manch einem lief zu Beginn der Veranstaltung wahrscheinlich noch das Wasser im Mund zusammen, als die PowerPoint Präsentation mit einem leckeren Bild von einer Mantaplatte – Currywurst mit Fritten rot/weiß – startete.

Auch die beiden nächsten Zitate aus dem Tierschutzgesetz hörten sich für die Schüler/innen noch gut und beruhigend an. Man konnte sich in dieser 7. und 8. Stunde wohl  ganz entspannt zurücklehnen, denn in § 1 des Tierschutzgesetzes heißt es ja schließlich „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“ und in §2 gibt es die Vorschrift „Wer ein Tier hält, muss das Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernähren, pflegen und verhaltensgerecht unterbringen“.

Doch dann kamen die ersten komischen Fragen, die den einen oder anderen aufhorchen ließen:

Wer von euch hat eigentlich Haustiere? Würdet ihr euer Haustier essen? Warum nicht? Dürfen wir Menschen die Tiere einfach in Nutz- und Haustiere einteilen und die einen ausbeuten und misshandeln und die anderen verwöhnen? Wer von euch glaubt, dass auch Nutztiere Gefühle wie z.B. Angst, Trauer, Schmerz, Einsamkeit und Langeweile haben? Wem würde an einem lauen Sommerabend sein Grillwürstchen noch schmecken, wenn er das Schwein vorher einfangen, mit eigenen Händen umbringen, töten und ausweiden müsste?

Der anschließende nüchterne Vortrag mit Fakten und Zahlen aus der „Albert Schweitzer Stiftung für unsere Umwelt“ zur Massentierhaltung „Schwein“  ließ viele fassungslose, betroffene  Gesichter zurück. So gut wie keiner wusste, wie grausam die Lebensbedingungen dieser  geschundenen Kreaturen in ihrem nur halbjährigen Leben wirklich sind.

Vor den beiden anschließenden Videos wurden die Schüler/innen explizit darauf aufmerksam gemacht, dass sie jederzeit die Augen schließen oder den Raum verlassen dürfen und dass eine brutale, aber leider alltägliche Schlachtszene, in der Metzger im Akkord ihre Arbeit verrichten, vorher rechtzeitig angekündigt wird.

Während der gesamten Veranstaltung konnte ein selbst angefertigter Kastenstand ausprobiert werden, um einmal hautnah die Enge zu erfahren, in der eine Zuchtsau mindestens dreiviertel ihres Lebens eingesperrt und nahezu bewegungsunfähig verbringen muss.

Auch das Thema „Biofleisch“ wurde thematisiert. Ein weiteres Video machte deutlich, dass die sog. Verbesserungen in der Bio- Tierhaltung oft nur minimal sind, oft nicht kontrolliert werden und  die gesetzlichen Vorgaben  vielfältigen Interpretationsspielraum  lassen.

Anhand zusammengeklebter Zeitungsblätter konnte der EF anschaulich gemacht werden, wie wenig das von unserer Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner angestrebte staatlich anerkannte Tierwohllabel  der höchsten Stufe 3 (100%) den Tieren letztendlich konkret an Platz bringt.

In der Massentierhaltung kann auf die Grundbedürfnisse eines Schweins keine Rücksicht genommen werden, da dies viel zu viel Zeit und Geld kosten würde und die Nachfrage nach Fleisch beim Verbraucher viel zu hoch ist. Dass Schweine aber eine Vielzahl von Bedürfnissen haben, die für ein glückliches Leben auch erfüllt werden müssen, zeigten zum Abschluss zwei Videos von einer ganz besonderen Schweinezüchterin in Oberkirch und ein privates Video von Babs und Bernd, den beiden Hausschweinen von Frau Klose. Die hier gezeigten Schweine haben einfach „Schwein gehabt“.

Der von den Schülern im Anschluss der Doppelstunde ausgefüllte Fragebogen zeigte bei der Auswertung ganz deutlich, dass der größte Teil der jungen Menschen großes Interesse an dem Thema hat, die Augen nicht verschließen möchte, sich weitere Informationen wünscht und 14 Schüler/innen sogar großes Interesse am veganen Kochen haben. Warum eigentlich nicht? Frau Kloses Küche ist groß, die beiden Hausschweine Babs und Bernd brauchen nicht um ihr Leben fürchten und Frau Heim hat auch schon ihre Unterstützung zugesichert.